Personalmarketing zwischen Pragmatismus und Strategieorientierung
Towers Perrin-Strategieberater Thomas
Faltin erläutert die wichtigsten Ergebnissen einer
Analyse zur organisatorischen Verankerung des
Personalmarketings in mittleren und großen Unternehmen
vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und
eines steigenden Personalbedarfs.
Thomas Faltin leitet den Beratungsbereich HR Strategie & Organisation bei Towers Perrin Human Capital Group in Frankfurt
Herr Faltin, was genau ist der Hintergrund ihrer Studie?
TF: Angesichts des demografischen Wandels wie
auch der Konkurrenz auf dem Arbeitskräftemarkt ist die
Gewinnung von Mitarbeitern mit den gewünschten
Qualifikationen mehr denn je von strategischer Bedeutung.
Dem entsprechend liegen zahlreiche Analysen zu Mitteln
und Wegen in der Addressierung und schließlich auch
Gewinnung von Mitarbeitern vor. Was bislang fehlte, sind
Untersuchungen zur organisatorischen Einbettung dieser
Aufgaben in den strategischen Gesamtprozess des
HR-Managements.
Ihnen ging es also nicht um
die Instrumente des Personalmarketings, sondern dessen
organisatorische An- und Einbindung?
TF:
Genau, Kernziel der Interviews mit den
verantwortlichen Führungskräften war es, die prozessuale
Verankerung von Personalmarketing-Spezialisten, -Themen
und -Prozessen zu vergleichen und daraus Rückschlüsse
für eine ideale Einbettung und Positionierung der
Funktion zu ziehen.
Wie sieht nun diese ideale
Einbindung in die HR-Prozesslandschaft aus?
TF: Es gibt sie nicht! So bunt das
Personalmarketing mit seinen Maßnahmen zur Rekrutierung
von Mitarbeitern in Erscheinung tritt, so vielfältig ist
auch seine organisatorische Einbindung in die
Unternehmenslandschaft: mal näher an HR, mal näher am
Marketing, hier personell gut ausgestattet, mit Budget
versehen und strategisch verankert, dort eine
Ein-Personen-Abteilung mit limitierten Spielräumen eher
operativ geprägt, aber internationaler Verantwortung.
Es gibt also keine
Gemeinsamkeiten in den Unternehmen?
TF: Doch, das Personalmarketing befindet sich
organisatorisch häufig in einer Sandwich-Position
zwischen Marketing und HR. Der Schlüssel für eine
erfolgreiche Etablierung im Unternehmen liegt daher in
einem gezielten Management des daraus resultierenden
Spagats zwischen strategischen Herausforderungen wie dem
Employer Branding und operativen Themen wie dem
Recruiting begründet.
Gilt das für alle
Unternehmen oder hat nicht die Organisationsstruktur
eines Unternehmens Auswirkungen auf die Organisation des
Personalmarketings?
TF: Wie das Personalmarketing gesteuert wird,
hängt mit dem Geschäftsmodell und der
Governance-Struktur der Unternehmen zusammen. Bei
dezentral aufgestellten Unternehmen agiert das
Personalmarketing entweder als Koordinator bzw. als
Service- und Support-Funktion oder ist als strategischer
Partner positioniert und übernimmt vor allem
Konzeptions- und Steuerungsverantwortung. Bei eher
zentral aufgestellten Unternehmen steht neben der
Konzeption und der Steuerung von Maßnahmen häufig auch
die Umsetzungsverantwortung für bestimmte Regionen,
Zielgruppen oder Themen im Blickpunkt der Aktivitäten.
Das Personalmarketing tritt dann als weitgehend
selbstständiger Dienstleister auf.
Spiegelt sich dieses Bild
auch in konkreten Zahlen wider?
TF: Hinsichtlich der organisatorischen Einbindung
des Personalmarketings in das unternehmensweite
HR-Management gibt es wenig Unterschiede. So ist bei
fast 90 Prozent der befragten Unternehmen eine zentrale
Verankerung zu verzeichnen – entweder als eigene
Organisationseinheit oder als Teil der einer anderen
Sub-Funktion, etwa der Personalentwicklung, des
Recruitings oder allgemeiner Personalservices. So sind
bei allen befragten Unternehmen Personalmarketing und
Recruiting eng miteinander verknüpft.
Diese Verknüpfung dürfte
insbesondere mit Blick auf die Personal-Bedarfsplanung
von Bedeutung sein?
TF: Durchaus, aber hier zeigt sich ein
uneinheitliches Bild. Liegt der Fokus der
Personalmarkting-Aktivitäten auf dem Employer Branding,
unabhängig vom gegebenen Personalbedarf, gibt es oft
keine Schnittstelle zwischen Personalmarketing und der
Personalplanung bzw. dem -Controlling. Hat das
Personalmarketing die Aufgabe, den aktuellen
Personalbedarf der operativen Einheiten zu decken,
existiert die entsprechende Schnittstelle. Die
Personalmarketing-Aktivitäten werden dann
bedarfsorientiert angestoßen und sind tendenziell
weniger strategisch ausgerichtet. Soll das
Personalmarketing den Personalbedarf systematisch und
vorausschauend sichern, besteht eine Schnittstelle mit
der Personalbedarfsplanung.
Wie steht es um die
Schnittstelle zum Personalcontrolling?
TF: Ein systematisches Reporting von
Personalmarketing-Aktivitäten, integriert in einen
HR-Controlling-Prozess findet bislang kaum statt. Zwei
Drittel der befragten Unternehmen erheben die relevanten
Kennzahlen überwiegend mit Blick auf einzelne Parameter,
wobei die Auswahl der Kennzahlen mit dem jeweiligen
Leistungsportfolio korrespondiert.
Welche kurz- und
mittelfristigen Planungen gibt es bei den Unternehmen
mit Blick auf das Personalmarketing?
TF: Alle Unternehmen planen, ihr
Personalmarketing effektiver und effizienter zu
gestalten. Effektivität soll vor allem dadurch erreicht
werden, dass das Personalmarketing konsequent
strategisch ausgerichtet wird. Das beginnt mit der
Entwicklung einer Personal- und
Personalmarketingstrategie, die eng verknüpft mit der
Unternehmens- und Personalstrategie ist. Durch die
Fokussierung auf bestimmte Zielgruppen und
Recruting-Kanäle versprechen sich die Unternehmen eine
Steigerung der Wirksamkeit der Personalmarketing-
Maßnahmen. Mehr Effizienz wollen sie erreichen, indem
sie das Bewerber-Management beispielsweise durch den
Aufbau von Stellenbörsen oder Bewerberplattformen
stärker digitalisieren. Zudem sollen Kennzahlensysteme
ausgebaut werden, um eine bessere Steuerbarkeit der
Maßnahmen sicherzustellen und auch den Wertbeitrag der
Personalmarketing-Funktion besser vermitteln zu können.
Herr Faltin, vielen Dank für das Gespräch!
Hintergrundinformationen zur Analyse
Im Rahmen der Untersuchung „Zwischen Pragmatismus und Strategieberatung – Zur Organisation des Personalmarketings im Spannungsfeld von Marktbedürfnissen und internen Strukturen – Ergebnisse einer qualitativen Towers Perrin-Analyse“ wurden Verantwortliche für das Personalmarketing in 17 großen Unternehmen durch Towers Perrin-Experten zu den Herausforderungen in ihrem Bereich befragt. Als Basis fungierte ein umfassender Fragenkatalog mit dem Fokus auf der Organisation und Prozessgestaltung. Zur Gruppe der teilnehmenden Unternehmen zählen Vertreter aller Kernbranchen. Es wurden Vertreter größerer bis sehr großer Unternehmen mit einer Mitarbeiterzahl von über 10.000 befragt.
